Renten- und Gesundheitsreformen: Warum Frauen benachteiligt werden

Die Soziologin Jutta Allmendinger kritisiert, dass aktuelle Reformpläne der Bundesregierung die spezifischen Risiken für Frauen kaum berücksichtigen.
Geschlechtsspezifische Lücken in der Sozialpolitik
Die aktuelle Reformagenda der Koalition in den Bereichen Rente, Gesundheit, Pflege und Steuern lässt nach Einschätzung der Soziologin Jutta Allmendinger entscheidende Perspektiven vermissen. Insbesondere die Auswirkungen auf die finanzielle und gesundheitliche Absicherung von Frauen werden in den Planungen der Bundesregierung unzureichend evaluiert.
Ein zentraler Kritikpunkt betrifft die Entwicklung der Rentensysteme. Aufgrund von Erwerbsbiografien, die häufig durch Teilzeitbeschäftigung oder Unterbrechungen für Erziehungs- und Pflegeleistungen geprägt sind, drohen Frauen im Alter eine signifikant geringere Versorgung als Männer.
Risiken bei der Kapitaldeckung und Pflege
Die Debatte um die Einführung einer Kapitaldeckung im Rentensystem – oft als Kapitalrente bezeichnet – birgt laut Allmendinger zusätzliche Herausforderungen. Wenn Rentenansprüche stärker an individuelle Einzahlungen oder Kapitalvermögen gekoppelt werden, verschärft dies die bestehende Rentenlücke für Frauen, die aufgrund struktureller Gegebenheiten oft weniger einzahlen können.
Auch im Bereich der Pflege und der gesetzlichen Krankenversicherung zeigen sich Disparitäten:
- Pflegeleistungen: Frauen leisten einen Großteil der unbezahlten Pflegearbeit im privaten Umfeld, was ihre eigenen Ansprüche auf Pflegeversicherung und spätere Renten schmälert.
- Gesundheitsvorsorge: Reformen im Gesundheitssystem müssen die spezifischen medizinischen Bedürfnisse und die Lebensrealitäten von Frauen stärker in den Fokus rücken.
- Steuerliche Aspekte: Die steuerliche Gestaltung beeinflusst die verfügbaren Einkommen und somit die Fähigkeit, privat für die Altersvorsorge vorzusorgen.
Forderung nach geschlechtergerechter Planung
Die Soziologin betont, dass eine moderne Sozialpolitik die Lebensläufe von Frauen nicht als Ausnahme, sondern als strukturellen Bestandteil der Gesellschaft begreifen muss. Reformen, die lediglich auf dem Modell eines durchgehenden Vollzeit-Erwerbslebens basieren, werden die bestehenden Ungleichheiten zementieren.
Für eine gerechte Gestaltung der kommenden Jahrzehnte müssten die Auswirkungen der Reformen auf verschiedene demografische Gruppen vorab detailliert simuliert werden. Nur so lassen sich Mechanismen entwickeln, die verhindern, dass die finanzielle Absicherung von Frauen durch die Umstellung auf neue Renten- oder Gesundheitssysteme weiter geschwächt wird.



